Wie sehr muss ein Startup auf die Kacke hauen?

Nun also doch, die 2008 gegründete MyParfuem GmbH hat leider Insolvenz anmelden müssen. Auch der in den letzten Monaten vorgenomme Personalabbau von 60 auf 25 Mitarbeitern hat das Unternehmen nicht retten können.

MyParfum.de ist war ein Anbieter, bei dem man sich sein ganz persönliches Parfum zusammenstellen und produzieren lassen konnte. Soweit ja eine ganz hübsche Idee. Zumal es sehr erfolgreiche eCommerce-Modelle im Bereich Mass Customization gibt. In Deutschland bekannt wurde das Marktsegment der individualisierbaren Massenproduktion mit MyMuesli.de.

An einem Fortführungskonzept mit einer noch weiter reduzierten Mannschaft wird gearbeitet, so lauten die aktuellen Pressemeldungen.

Der onlinegetriebene Verkauf von individuellen Düften wird auf Dauer erfolgreich sein. Von welchem Anbieter und in welcher Unternehmensgröße, das steht auf einem anderen Blatt.

Gute Idee, guter Vertriebskanal, bewiesene Bereitschaft von potentiellen Kunden; alles in Ordnung. Aber woran ist denn dann MyParfum gescheitert? Eventuell ganz banal daran, was vielen Unternehmen zum Verhängnis wird: am Verlust des gesunden Menschenverstandes?

“In fünf Jahren werden wir gemeinsam mit unseren Kunden weltweit das Parfum neu erfunden haben.”, so sah MyParfum.de seine zukünftige Marktposition.

Bei solchen Aussagen – und man liest sie in diesen Formulierungsdimensionen nahezu täglich, wenn man sich mit dem Thema Internet-Startups beschäftigt – frage ich mich immer, verwenden die denn alle denselben Buzzword-Generator?

Dieses verbale auf die Kacke hauen ist weit verbreitete Unsitte Standard geworden im Bereich Internet-Startups. Als nüchterner Schwabe schüttelt man mit dem Kopf. Wenn man aber die abstrusen Finanzierungsrunden der letzten Jahre betrachtet, dann muss man neidlos anerkennen, es funktioniert. Scheinbar sind viele Venture Capitals derart konditioniert, dass man nur etwas von einer weltweiten Skalierung, der alleinigen weltweiten Marktdurchdringung oder der erstmaligen Demokratisierung des Marktsegementes auf den Onepager schreiben muss und schon wird fleißig überwiesen. Klar, die Realität sieht anders aus, die Verwunderung bleibt.

Die Parfum-Idee ist ja an für sich wirklich gut. Sie ist aber halt nicht mehr, als eine sympathische kleine Nische im großen Teich des Parfummarktes. Die Macher können doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass die Masse der Kunden von dem Einkauf der bekannten und natürlich auch werblich stark gestützten Parfummarken abweicht. Hatten die keinen realistisch denkenden Marketingfachmann in ihren Reihen? Einen, der ihnen die Marktmechanismen erklärt und aufzeigt, welche Marketingbudgets hier aufgefahren werden, wie das Marketing der “Gegner” funktioniert? Wurde ernsthaft daran geglaubt, dass man eine Revolution gegen die starken, alten, gewachsenen Marken mit ihrer allseitigen Präsenz am realen und virtuellen POS und den milliardenschweren Werbebudgtes gewinnen kann?

Man muss nicht einmal ein besonders cleverer Marketingfachmann sein, um zu überprüfen, wer wo wie oft und aus welchen Gründen welches Parfum kauft. Dazu muss man nur einmal ein paar hundert Kundinnen und Kunden vor den Parfümerien abfangen und kurz befragen. Das ist Mafo-Basisarbeit; kein Hexenwerk. Dazu muss man aber die rosarote Brille der Verliebtheit in seine Idee kurz absetzen und die Welt ganz nüchtern betrachten. Dann erspare ich mir auch Pressemitteilungen, dass ich in wenigen Jahren das Parfum weltweit neu erfunden haben werde und bin stolz darauf, dass ich in einer tollen Nische ein schönes, smartes Unternehmen aufgebaut habe und am Laufen halten kann. 1.000 m² Produktionsfläche werde ich nicht mein Eigen nennen können – das muss es aber auch nicht! Es soll angeblich  auch ein erfülltes Leben abseits der multimillionenschweren Exits geben.

Custommade Parfüm ist eine super Sache als Gag, Geschenk, nette Abwechslung, Einmalkauf – aber doch niemals als Grundversorgung. Die weltweite Revolution im Parfummarkt wird so niemals stattfinden.

Über Andreas Frank

Andreas Frank liebt echte Innovatoren und ist genervt von Kopierern, die einem alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen wollen. Kopfschüttelnd liest er täglich die Meldungen von Startups, die angeblich alles revolutionieren aber dabei nicht in der Lage sind, ihre Idee ganzheitlich zu Ende zu denken. Belustigt ist er, wenn die freie Meinungsäußerung mit bösen eMails und der Androhung von Anwaltsschreiben mit den Füßen getreten wird. Merke: auch in der Zeit von bezahlten Blogeinträgen gibt es noch Denker, die sich ihren kritischen Blick nicht verbieten lassen.

05. März 2013 von Andreas Frank
Kategorien: eCommerce, Startups | Kommentare deaktiviert für Wie sehr muss ein Startup auf die Kacke hauen?