Wir können es einfach nicht einfach

Es mag sich heute niemand mehr daran erinnern, aber als Apple ankündigte, ein Mobiltelefon auf den Markt zu bringen, da gab es weitaus mehr Stimmen bezüglich eines abzusehenden Mißerfolges, als umgekehrt. Zu sehr waren Nokia und Motorola in den Köpfen als das Nonplusultra verankert.

Motorola und Nokia? Mehr oder weniger Geschichte. Und weshalb wurde das iPhone zum Erfolg? Wegen des einfachen Bedienungskonzeptes. Dass Apps der Grund gewesen sein sollen, das ist eine Verklärung der Geschichte. Extern entwickelte Apps gab es auf der ersten iPhone-Version nicht. Sie kamen später.

Nun spricht die ganze Welt von der milliardenschweren Übernahme von Nest durch Google. Warum Nest und nicht ein Produkt von den deutschen Platzhirschen mit ihren zigtausend zweifelsfrei klugen Ingenieuren? Wegen des einfachen Bedienungskonzeptes.

Gerade wir Deutschen können einfach nicht einfach. Unsere Industrie ist dermaßen ingenieursgetrieben, dass das Wesentliche bei der Produktentwicklung vergessen wird.

Was ist denn das Wesentliche? Ganz einfach: der Kunde!

Entwickler und Produzenten werden nun heftig widersprechen. Müssen sie. Sie können nicht anders. Sie wissen es nicht besser. Sie möchten auch nicht aus der Geschichte lernen.

Video 2000 war das bessere Systen, gewonnen hat am Markt aber das japanische VHS. MP3 wurde in Deutschland erfunden, den Markt damit aufgerollt haben die Amerikaner. Oder noch weiter zurück in der Geschichte, der Computer überhaupt. Den Weltmarkt betrachtet, kam nach dem Z3 in diesem Segment nicht mehr viel entscheidend Neues aus Deutschland. Me-Too-Produkte ja, Speziallösungen für Nischen ja. Aber keine Massenprodukte für Endkunden.

Im Maschinenbau mag dieser Hang zur Verkomplizierung noch eine Stärke und der Grund für massig Marktführer aus deutschen Landen sein. Aber vielleicht sind das nicht mehr, als Lorbeeren der Vergangenheit und auch hier muß ein Umdenken stattfinden? Nicht schlecht gestaunt hat der Hersteller von technisch brillianten Kartoffel-Absack-Anlagen, als sie für den indischen Markt ein ganz besonders schlichtes Modell produzierten. Auf Grund des niedrigen Ausbildungsstandards der Maschinenführer, der schwierigen Ersatzteilversorgung und der extremen Nutzungsbedingungen hat man bei der Version für Indien alles weggelassen, was nicht absolut notwendig ist und auf simple robuste Teile gesetzt. Was passierte? Das Modell bewährte sich derart gut im Einsatz, dass es nun auch auf anderen Märkten angeboten werden soll.

Dass wir einfach nicht einfach können, dass wir es nicht schaffen, uns in den Kopf des Kunden zu versetzen, das wurde mir heute wieder deutlich vor Augen geführt. Durch einen Flyer über die StadtBus-Einführung in meiner Heimatstadt Ellwangen.

Die katastrophale kommunikative Ausarbeitung wird einem im Grunde sehr lobenswerten Produkt nicht gerecht.

Was macht dieser StadtBus, was ist das für ein Produkt? Ganz einfach: es ist eine Buslinie, die in einer Endlosschleife wichtige Punkte der Stadt anfährt.

Und so sieht der Fahrplan dazu aus:

Route-Stadtbus-Ellwangen

Stellen sich mir ein paar Fragen:

  • Warum gibt es verschiedene Linien mit 304/305 und 300/301? Fährt denn nicht ein Bus die gesamte Acht ab? Wenn ja, dann brauche ich doch keine Nummern. Dann heißt die Linie nicht 301 oder sonstwas, sondern StadtBus und fertig.
  • Und wenn doch, warum werden dann nicht die einfachen und leicht zu merkenden Bezeichnungen 1 und 2 genutzt? Weil dies firmenintern nicht anders geregelt werden kann und die Bezeichnungen der anderen Buslinien des Unternehmens oder des Fahrverbundes berücksichtigt werden müssen? So könnte ich mir eine Antwort vorstellen, die an jeden denkt, aber nicht an den, der das Geld bringt. Der nennt sich zahlender Fahrgast, oder kürzer: Kunde.
  • In welche Richtung fahren denn die Busse? Pfeile würden helfen.
  • Oder fahren die Busse in beide Richtungen? Dies sollte auch kommuniziert werden. Wird es aber nicht. Steht nirgends. Nicht im Flyer, nicht auf der Internetseite und auch nicht im bunten Verwirr-den-Kunden-Bild. Eine Fahrt in beide Richtungen würde die Nummern ja im Ansatz erklären. Besser wäre dann aber eine Bezeichnung 1 und 2. Oder noch besser „links“ und „rechts“.
  • Warum wiederholen sich die Zahlen für die Haltestellen links und rechts? Was für einen Sinn macht das? Warum hat nicht jede Station eine eindeutige Nummer?  Warum wurden die Haltestellen nicht ganz banal, einfach und naheliegend mit den Zahlen 1 bis 18 bezeichnet?
  • Wenn ich über Haltepunkt 4 spreche, meine ich dann das Hallenbad, oder die Grundschule in Rindelbach?
  • Wenn ich von der 1 beginnend die Acht nach rechts abfahre und dann wieder bei der 1 ankommen, dann müßte beim Wechsel von Rechts nach Links als nächstes die Station 11 kommen. Die Routeninfo zeigt mir aber der Acht folgend die 9 und dann die 8 an.
  • Warum gibt es nahezu identische Farben für verschiedene Haltestellen? Rot bekamen gleich vier Stationen verpasst.
  • Wie erkläre ich einem Kind, dass es bei der blauen Station aussteigen soll, wenn die Stationen 4, 5, 6 und 9 auf der linken Seite der Acht und die Stationen 3, 5, 6, 7 und 10 auf der rechten Seite diesen Farbton haben? Weil es keine 18 einfach zu unterscheidende Farben gibt? Bevor ich die Kunden mit den Farben verwirre, lasse ich sie weg! War die Absicht, die Abbildung schön freundlich bunt zu machen? Falscher Ansatz! Eine so erzwungene Fröhlichkeit darf nie auf Kosten der Verständlichkeit erfolgen.

 

Ein Stadtbus, der in einer Endlosschleife Stationen abfährt, ist ein so einfach zu kommunizierendes Produkt. Das ist keine wirklich große Herausforderung.

Dass man aber daraus eine Pseudowissenschaft machen kann, die ausser den Beteiligten selbst keiner so richtig versteht, das zeigt schön dieses Beispiel StadtBus Ellwangen.

Wer wissen möchte, wie es anders, besser, intuitiver geht, der sollte sich die Buslinien in Sydney, oder das U-Bahnsystem in Singapore anschauen. Trotz weitaus höherer Anforderungen, sind die Transportmittel leichter zu verstehen und anzuwenden.

Warum? Weil, die einfach einfach können!

 

Möchten Sie diesen Artikel auf Facebook, Twitter oder Google+ teilen? Darüber freue ich mich sehr!

VN:F [1.9.22_1171]
Bitte bewerten Sie diesen Beitrag:
Rating: 5.0/5 (6 votes cast)
Wir können es einfach nicht einfach, 5.0 out of 5 based on 6 ratings

Über Andreas Frank

Andreas Frank liebt echte Innovatoren und ist genervt von Kopierern, die einem alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen wollen. Kopfschüttelnd liest er täglich die Meldungen von Startups, die angeblich alles revolutionieren aber dabei nicht in der Lage sind, ihre Idee ganzheitlich zu Ende zu denken. Belustigt ist er, wenn die freie Meinungsäußerung mit bösen eMails und der Androhung von Anwaltsschreiben mit den Füßen getreten wird. Merke: auch in der Zeit von bezahlten Blogeinträgen gibt es noch Denker, die sich ihren kritischen Blick nicht verbieten lassen.

22. Februar 2014 von Andreas Frank
Kategorien: Persönliches, Zwischenruf | Kommentare deaktiviert für Wir können es einfach nicht einfach