Abomodelle: Täglich grüßt das Murmeltier

Nachdem ich mich hier ja schon zum Thema Abo-Modelle äußerte, bin ich sehr froh und glücklich, auch heute ein neues Abo-Projekt erwähnen zu können.

Mit meinebrotbox.de kann man sich nun endlich seine Brötchen morgentlich frisch ins Haus liefern lassen. Das ist natürlich etwas ganz Neues! Dass darauf noch keiner gekommen ist. Ein Brötchen-Service, cool. Unzählige Bäckereien werden sich nun grämend an die Stirn klopfen. Passend zum Brötchen würde ich unbedingt noch die Domain MeineMilchflasche.de und MeineTageszeitung.de sichern. Ach nein, Tageszeitungen werden neuerdings ja auch schon ins Haus geliefert.

Abomodelle können bestens und nachhaltig funktionieren, siehe das Beispiel von blacksocks.com. Auch den sympathischen Damen von supercraftlab mit ihren DIY-Kits prognostiziere ich ein langes Aboleben. Und die Wummelkiste wird sicher ebenfalls über einen längeren Zeitraum freudige Abnehmer finden.

Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren und würde mich ehrlich über einen Erfolg von meinebrotbox.de freuen.

Jedoch sehe ich die Marktchancen kritisch. Die Aufgaben und Hindernisse sind vielfältig:

  • Wie viele Abonnenten muss ein einzelner Kurier bedienen, damit es sich für ihn rechnet?
  • Und sollte diese Zahl in einem Gebiet zusammen kommen, kann er diese Abonnentenzahl in dem zeitlich engen Rahmen beliefern?
  • In Großsstädten gibt es an jeder Ecke Backshops, die für 13 bis 15 Cent Brötchen verkaufen. Kann hier eine ausreichend große Abonnentenzahl in einem belieferungsfähigen Gebiet akquiriert werden?
  • Reicht denn die Abonnentenzahl in Kleinstädten für eine wirtschaftlich sinnvolle Belieferung aus?
  • Wie hoch ist in den geplanten Liefergebieten die Anzahl der Pendler, die sich auf dem Weg zur Arbeit versorgen und vorher nicht frühstücken?
  • Wie hoch ist der Anteil der Single-Haushalte, wo es seltener ein Frühstück mit Brötchen gibt, als beispielsweise bei Familien und Rentnern?
  • Hat die internetaffine Zielgruppe, die eher jünger als älter ist, einen derart starren Zeitplan, dass sie täglich zu einer festen Uhrzeit mit frischen Brötchen beliefert werden möchte?
  • Wird mit solch einem Abomodell nicht die ältere Zielgruppe angesprochen und sind diese nicht (noch) zu weit weg von einem internetbasierten Geschäftsmodell?
  • Wie hoch ist die Hürde, eine Bäckerei davon zu überzeugen, sich diesem System anzuschließen, wo sie dies als Platzhirsch bei ernsthaftem Interesseselbst auch selbst bewerkstelligen könnte?
  • Was bringt es, wenn dem Bäcker ein Gebietschutz versprochen wird, aber jeder Kollege diesen Service auch ohne meinebrotkiste.de anbieten kann?
  • Der Ausfahrer erhält nach Angaben des Startups 2 € je Auslieferung. Unabhängig davon, ob dies für einen Ausfahrer attraktiv ist, werden sich denn ausreichend viele Kunden finden, die jeden Tag bereits sind, beispielsweise für vier Brötchen statt 60 Cent bei der Backstation dann 2,60 €, bzw. über 3 € bei Belieferung durch einen klassischen Bäcker, zu bezahlen?

Wie verdient der Plattformbetreiber Geld?

Meinebrotbox.de schreibt an die Bäckereien gerichtet, dass sie nur „eine minimale Umsatzbeteiligung“ berechnen. Was ist minimal? 3%, 5%, 10%? Wie viele Brötchen müssen denn verkauft werden, dass es sich überhaupt betriebswirtschaftlich rechnet, die Kunden, den Ausfahrer und den Lieferanten zu verwalten und eine Rechnung zu stellen?

Realistisch betrachtet, wird es im Umfeld einer Bäckerei nicht möglich sein, dass 100 Kunden akuiriert werden, die sich täglich für zusätzliche 2 € beliefern lassen. Aber nehmen wir doch einmal ganz positiv gestimmt 100 Kunden à 4 Brötchen zu je 0,30 € an 30 Tagen im Monat an. Das ergibt dann bei 5% eine Provision von 151,26 € netto im Monat. Für diese 150 € muss die Plattform kontinuierlich mit Kunden, Ausfahrer und dem Lieferanten kommunizieren, Lieferscheine und Abrechnungen erstellen und den Geldfluß verwalten. Großzügig gerechnet, darf also eine Bäckerei mit 100 Kunden und einem Ausfahrer im Monat einen Zeitaufwand von maximal zwei bis drei Stunden verursachen! Die Kosten für das Marketing zur Kundengewinnung sind hier erst gar nicht eingerechnet; dies würde das Modell von Beginn ad absurdum führen.

Die Tücke bei diesen Abo-Geschäftsmodellen ist, man kann sie im Großen dargestellt, prima glänzen lassen kann. Runtergebrochen auf die einzelnen Geschäftsprozesse verblassen sie aber sehr schnell.

100 Städte mit mehr als 80.000 Einwohnern, im Schnitt zehn Bäckereien mit jeweils 100 Kunden und vier täglichen Brötchen macht im Jahr eine Gesamtprovision von 1,8 Millionen Euro. Werden die vier Brötchen durch deren fünf ersetzt und die Provision um 2% erhöht, steht dann dort die noch schönere Provisionssumme von über 3 Millionen. Und dann werden in den Businessplänen gerne noch Ergänzungsverkäufe und Synergieeffekte dazugerechnet. Papier ist geduldig. Es ist ein Kinderspiel, dieses Modell in der Theorie auf zwei, drei oder fünf Millionen reinen Provisionsumsatz hochzurechnen. Bei der derzeitigen Stimmung würde es mich auch nicht wundern, wenn in Kürze die Meldung kommt, dass meinebrotkiste.de mit einem zweistelligen Millionenbetrag an Venture Capital ausgestattet wurde.

Wie bereits erwähnt, gerne lese ich in einem Jahr, dass meinebrotkiste.de ein durchschlagender Erfolg ist und ich mit meiner Einschätzung komplett daneben lag. Meine Zweifel zu diesem Geschäftsmodell aber bleiben bis zu dieser Meldung bestehen.

 

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Über Andreas Frank

Andreas Frank liebt echte Innovatoren und ist genervt von Kopierern, die einem alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen wollen. Kopfschüttelnd liest er täglich die Meldungen von Startups, die angeblich alles revolutionieren aber dabei nicht in der Lage sind, ihre Idee ganzheitlich zu Ende zu denken. Belustigt ist er, wenn die freie Meinungsäußerung mit bösen eMails und der Androhung von Anwaltsschreiben mit den Füßen getreten wird. Merke: auch in der Zeit von bezahlten Blogeinträgen gibt es noch Denker, die sich ihren kritischen Blick nicht verbieten lassen.

15. Januar 2013 von Andreas Frank
Kategorien: Startups | Kommentare deaktiviert für Abomodelle: Täglich grüßt das Murmeltier