Nicht alles was Recht ist, ist auch rechtens

Das Startup Blinkist verkauft das aus Fachbüchern entnommene Wissen von nicht am Umsatz beteiligter Autoren als eigene Werke.

Der buchreport, als das „seit 1970 (…) meinungsbildende Fachmagazin der deutschsprachigen Buchbranche“, hat die Rechtsabteilung des Börsenverein des Deutschen Buchhandels um eine Stellungnahme gebeten, ob denn durch diese Zusammenfassungen Urheberrechte verletzt werden. Diese Antwort wurde nun auf buchreport.de veröffentlicht:

„Falls Buchinhalte in selbständigen eigenen Worten zusammengefasst werden, sei dies eine zulässige freie Benutzung. Collagiere der Zusammenfasser hingegen Zitate aus dem Originalwerk, um den Buchinhalt darzustellen, könne dies (…) eine genehmigungspflichtige Bearbeitung sein.“

Die Einschätzung verwundert nicht. Er wäre naiv zu denken, dass die Telekom über seinen Inkubator hub:raum viel Geld in ein Startup steckt, ohne dass die gut besetzte Rechtsabteilung vorher eine rechtliche Beurteilung vornimmt.

Zudem, dies ist nur die Einschätzung des Börsenvereins! Die Einschätzung einer einzelnen Institution. Dass diese sich deckt mit der Meinung eines Unternehmens, welches auf solch einer Basis Geschäfte machen möchte, sagt nichts über die endgültige Rechtslage aus. Ob es tatsächlich Recht ist, das kann in einem Rechtsstaat nur ein Gericht feststellen.

Aus was besteht denn ein Fachbuch? Aus Fakten, neuen Ansätzen und bisher nicht veröffentlichten Ideen. Blinkist verspricht seinen Kunden, dass diese mit den Zusammenfassungen alle wesentlichen Inhalte eines Buches bekommen.

Spielt es denn dann eine Rolle, ob die vom Autor übernommenen Ideen und Inhalte durch den Wortmixer gejagt werden und in neuen Sätzen verkleidet verkauft werden?

Es werden keinerlei eigenen Inhalte verkauft!

Und deshalb ist es meiner Meinung und meinem Rechtsverständnis nach ganz klarer Diebstahl, was Blinkist mit seinem Geschäftsmodell macht.

Juristisch mag das Vorgehen von Blinkist eventuell und vielleicht in Ordnung sein. Aber ist es auch fair? Ist es redlich?

Wie kann man denn guten Gewissens morgens in den Spiegel schauen, wenn man sich eingestehen muss „ich schaffe nichts, ich kopiere nur und der Erschaffer der von mir genutzten Inhalte geht durch ein juristisches Schlupfloch leer aus“? Kann man da stolz auf seine ganz persönliche Arbeitsleistung sein? Oder wird ein eventuell vorhandenes schlechtes Gewissen durch den Blick auf den Kontostand weggewischt?

Nicht alles was Recht ist, ist auch rechtens!

Die Lebensmittelindustrie darf ganz groß auf eine Verpackung Gänseleberpastete schreiben. Dem Gesetz Genüge getan ist aber, wenn dort nur 2% (in Worten ZWEI Prozent von HUNDERT) Gänseleber enthalten ist. Auch darf ganz legal ein Multifruchtsaft beworben und verkauft werden, wenn dieser zu über 75% nur aus Apfelsaft besteht. Vom Gesetzgeber ist das alles abgesegnet. Super!

Da ich selbst einige Jahre und Semester die juristische Ausbildungsmühle genossen habe weiß ich, es ist nicht Studieninhalt, zur Beurteilung von strittigen Sachverhalten den gesunden Menschenverstand zu verwenden. Auch besteht die Juristerei zu einem großen Anteil daraus, möglichst geschickte Lücken und Schlupföcher ausfindig zu machen. Dies scheint ja im Fall Blinkist gut gelungen. Und was will man von Politikern erwarten, die oftmals schon im zarten Alter von 14 in die Jugendorganisationen der Parteien eintreten, um dann zielgerichtet auf Linie getrimmt zu werden? Politiker, deren Handeln nicht darin besteht, sich eine unabhängige und neutrale Meinung zu bilden, sondern die von Beginn an die interessensgesteuerte Taktiererei beigebracht bekommen um dann in Amt und Würden von ebenso ausgebildeten Referenten vor der Lebenswirklichkeit abgeschottet zu werden.

Es gehen allerorten Aufschreie durch das Volk, dass die ach so bösen Chinesen nur kopieren und das Knowhow von uns Deutschen nicht respektieren. Keine Talkshow, kein Medium, kein Stammtisch, wo dies nicht schon thematisiert wurde, wo nicht verbal auf die Diebe eingedroschen wurde. Wenn eine Ministerin vor über dreißig Jahren in ihrer Dissertation fehlerhaft zitierte, dann wird vehement ihr Kopf gefordert. Alles in Ordnung. Wenn man jedoch sich selbst und seine persönliche Nutzung von fremden geistigen Eigentums hinterfragen soll, dann versteckt man sich hinter allerlei Paragraphen. Ist das tatsächlich der von der Gesellschaft gewünschte Weg?

Chief Seattle, der Häuptling der Duwamish, sagte einmal:

Doch wenn der letzte Büffel tot,
das letzte wilde Pferd gezähmt,
der letzte Baum gerodet ist
und ihr erkennen müsst,
dass ihr Geld nicht essen könnt,
wird dies das Ende eures Lebens
und nur noch der Beginn eures Überlebens sein.

In diesem Sinne sollte sich jeder fragen, ob er denn mit einem guten Gewissen das nicht von ihm selbst erschaffene geistige Eigentum ohne Entlohnung und Würdigung des tatsächlichen Urhebers nutzen und ausnutzen möchte. Unabhängig davon, ob es nach dem Gesetzbuch eventuell erlaubt ist.

Wer als Konsument auch in Zukunft von der kreativen Schaffenskraft Dritter profitieren möchte, der muss diese in der Gegenwart respektieren!

Abschreiben, kopieren, umformulieren – das alles schaft nichts wirklich Neues!

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Über Andreas Frank

Andreas Frank liebt echte Innovatoren und ist genervt von Kopierern, die einem alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen wollen. Kopfschüttelnd liest er täglich die Meldungen von Startups, die angeblich alles revolutionieren aber dabei nicht in der Lage sind, ihre Idee ganzheitlich zu Ende zu denken. Belustigt ist er, wenn die freie Meinungsäußerung mit bösen eMails und der Androhung von Anwaltsschreiben mit den Füßen getreten wird. Merke: auch in der Zeit von bezahlten Blogeinträgen gibt es noch Denker, die sich ihren kritischen Blick nicht verbieten lassen.

25. Februar 2013 von Andreas Frank
Kategorien: Persönliches, Startups, Zwischenruf | Kommentare deaktiviert für Nicht alles was Recht ist, ist auch rechtens