Nicht nur in der Mode – auch gutes Design kommt wieder

Die aktuelle Ausgabe der t3n berichtet ab Seite 118 über „Modernes Metro-Design„.

Ach wie schön, da ist sie mal wieder, die auf einer gleichmäßigen Geometrie basierende Gestaltung. Die Branche der „Wir machen was mit Medien“ ist entzückt und allerorten wird derzeit das Design „revolutioniert“.

Die Erinnerung kommt zurück. Bereits Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrtausends gestaltete ich für einen der führenden Lehrmittelversender in diesem – dem Bauhaus angelehnten – Stil, einige Katalogtitelblätter.

Der Gründer und Inhaber war seinerzeit von der schlichten, klaren und ohne Ablenkung auf die Produkte lenkenden Gestaltung sehr angetan. Gegen den Widerstand im eigenen Hause gingen die Kataloge in Druck.

Das Honorar war großzügig, die Bezahlung überpünktlich.

Herz, was willst Du mehr? Mehr Aufträge!

Folgeaufträge gab es jedoch leider nicht. Die Gestaltung wäre zu modern, würde die Kunden überfordern und könnte sich nicht in die übrige Kataloggestaltung des Hauses einreihen.

Der Werberkollege, der damals für die Kataloge gestalterisch verantwortlich zeigte, klebte übrigens seine Entwürfe noch aus buntem Karton zusammen und für die Schrift wurden Reibebuchstaben von Letraset verwendet. Das werden die jüngeren Leser nicht mehr kennen, deshalb hier ein Zitat von Wikipedia: „(Letraset) stellte(n) bis in die 1980er Jahre eine bei professionellen Grafikdesignern, Ingenieurbüros oder Layoutern bis hin zur Kindergarten-Bastelstube populäre Möglichkeit dar, ordentlich aussehende Schriften auf Flächen aufzubringen.“

Ja, da musste meine Gestaltung wie von einem anderen Stern aussehen. Obwohl sie in den vorangegangenen Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen auftauchte und im Grunde nichts Neues was. Folgend der Ulmer Schule, begründet u.a. von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Max Bill, wurde gar eine ganze Generation von Studenten an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd auf diese Gestaltung getrimmt. Spötter nannten es damals in der Branche das Gmünder BWL-Design.

Klares Design, reduziert auf die tatsächlichen Inhalte, ohne Umwege und Schnickschnack. Das hielt ich für den richtigen Weg einer Kataloggestaltung für eine Zielgruppe, die schnell zum Ziel kommen möchte und keine Erlebnbiswelten benötigt, um einen Kaufentscheidung zu treffen. Durchsetzen konnte ich mich damals beim Lehrmittelversender nicht. Zwei Jahre später aber sagte mir der Seniorchef, dass er einen Kongreß besuchte, auf dem er für zweieinhalbtausend DM erzählt bekam, dass meine Gestaltung die Zukunft der Kataloggestaltung sei. Inklusive den von mir entworfenen Titelblättern, die der Referent dem Auditorium entgegenstreckte. Das mag etwas zuviel der Ehre gewesen sein. Immerhin bemerkte mein Leider-nicht-mehr-Kunde, dass er zwei Jahre zuvor vielleicht doch besser bei seiner Meinung hätte bleiben sollen und es kein Fehler gewesen sei, die neue Gestaltungslinie per Chefentscheid durchzusetzen. Mit einer Mischung aus Leid und Neid verwies er auf die Kataloge des sehr erfolgreichen Versenders Manufactum, „So hätten unsere Kataloge auch aussehen können.“.

Nun ist also das Gmünder BWL-Design, der Bauhaus-Stil, die Ulmer Schule wieder zurück auf der großen Bühne. Und da seither das Personal in den Agenturen, Redaktionen und bei den Auftraggebern altersbedingt mindestens einmal ausgetauscht wurde, sich kein Mensch mehr an Dinge von vor 20 Jahren erinnert, macht es nun als Metro-Design Furore.

Mir soll es recht sein, mir gefällt es.

Aber bitte Ihr liebe Kreativen, Startup-Gründer und Szeneblogger: hört auf, das Wort „revolutionär“ für die Beschreibung dieser Gestaltung zu verwenden. Der Blick nach vorne ist richtig und wichtig. Ebenso wichtig ist es aber, zur Beurteilung, Bewertung und Einstufung seiner Arbeit auch die Historie zu kennen.

Metro-Design ist derzeit schick. Das war es aber vor 60, 40 und 20 Jahren schon einmal. Und das wird es in 20, 40 und 60 Jahren wieder sein. Auch ohne Revolution.

 

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Über Andreas Frank

Andreas Frank liebt echte Innovatoren und ist genervt von Kopierern, die einem alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen wollen. Kopfschüttelnd liest er täglich die Meldungen von Startups, die angeblich alles revolutionieren aber dabei nicht in der Lage sind, ihre Idee ganzheitlich zu Ende zu denken. Belustigt ist er, wenn die freie Meinungsäußerung mit bösen eMails und der Androhung von Anwaltsschreiben mit den Füßen getreten wird. Merke: auch in der Zeit von bezahlten Blogeinträgen gibt es noch Denker, die sich ihren kritischen Blick nicht verbieten lassen.

18. Dezember 2013 von Andreas Frank
Kategorien: Persönliches, Werbung | Kommentare deaktiviert für Nicht nur in der Mode – auch gutes Design kommt wieder