Böses, böses Amazon – es ist auch unsere Schuld!

Gestern um 22.45 Uhr, ein Bericht auf der ARD über Amazon und wie deren Geschäft mit den Leiharbeitern funktioniert.

Zu Stoßzeiten wie Weihnachten werden Arbeitslose aus ganz Europa mit dem Versprechen angelockt, bei Amazon einen Arbeitsvertrag zu erhalten. Kurz vor Abfahrt, beispielsweise in Spanien, wird ihnen dann aber mitgeteilt, dass der Arbeitsvertrag nicht mit Amazon direkt, sondern mit einer Zeitarbeitsfirma, geschlossen wird. Mehr als 10% Gehaltskürzungen und diverse dubiose Auflagen werden als geringfügige vertragliche Abweichungen bezeichnet.

Um es kurz zu machen, die Vorgehensweise ist erniedrigend. Mitarbeiter werden nicht respektvoll als solche behandelt, sondern wie Arbeitsvieh gehalten. Wie menschenverachtend ist es, dass Securitydienste mit einem offensichtlich nationalistischen Hintergrund das Recht haben, jederzeit die Privaträume der Mitarbeiter zu betreten und zu durchsuchen, man zu sechst oder siebt in winzigen Zimmern hausen muss und es einem untersagt ist, ein simples Brötchen vom Frühstück mitnehmen zu dürfen. Wie herablassend ist es, Menschen im Ungewissen zu lassen, ob sie nach ihrer Schicht nach Hause verfrachtet werden, oder auch noch am nächten Tag einen Arbeitsplatz haben.

Der Aufschrei im Netz ist groß. Wer bei Twitter #Amazon eingibt, der findet Einträge wie „Eines ist klar: Ein Ausbeuterkonzern, der Nazis als „Sicherheitsdienst“ engagiert, muss boykottiert werden. Löscht eure Konten bei Amazon“. Auch die Facebook-Kommentare laufen heiß und es wird zum großen Amazon-Boykott aufgerufen. Redaktionen der Online-, Radio- und TV-Presse nehmen sich des Themas an. Der neudeutsche Shitstorm ist in vollem Gange.

Zwischenruf liebe Boykott-Aufrufer: Sicher sind wir uns alle einig, die im Beitrag dargestellen Vorgehensweisen sind unhaltbar und müssen schleunigst geändert werden. Es ist jedoch heuchlerisch, wenn wir nun gegen das ach so böse Amazon schreien, gleichzeitig aber ohne Widerspruch und Aufschrei auf unserem in China gefertigten Smartphone rumdrücken, dabei den tollen Café aus Lateinamerika trinken, eine leckere Tafel Schokolade mit Kakao aus der Elfenbeinküste genießen und abends aus der in Indien oder Bangladesh gefertigten Jeans schlüpfen.

Nicht Amazon ist der Fehler im System, wir sind es!

So lange wir uns im Onlineshop die Suchergebnisse nach „günstigste Angebote zuerst“ sortieren lassen, so lange wir neutrale oder negative Bewertungen abgeben, wenn ein Versender 4,90 € für Versand und Verpackung berechnet und so lange wir nicht bereit sind, ernsthaft und nachhaltig unseren persönlichen Konsum und die Wege der Befriedigung dessen zu hinterfragen, so lange sind auch wir schuld, wenn Menschen voller Hoffnung den Weg aus der Arbeitslosigkeit in Spanien antreten, um dann in Deutschland auf das Schlimmste ausgebeutet zu werden. So lange sind auch wir schuld, dass in Bangladesh, Indien, Pakistan, China – die Reihe könnte fast endlos ausgeweitet werden – Menschen unter den miesesten Bedingungen arbeiten und leben müssen, um unseren Konsumstau aufzulösen.

Mir gefällt es nicht, was ich in dem ARD-Bericht gesehen habe. Mir gefällt es auch nicht, dass Amazon von mir 57% Provision kassiert, ich von den verbleibenden 43% noch die Produktionskosten und den Transport in deren Lager tragen muss, ich meinen Anteil erst nach zwei bis drei Monaten ausbezahlt bekomme und Amazon sich nicht darum kümmert, ob ich als Lieferant unter diesen Lieferbedingungen überleben kann. Aber machen wir uns nichts vor, nicht über Amazon zu verkaufen ist die schlechtere Alternative.

Gibt es eine Lösung? Wohl kaum!

Wir alle beklatschen investigative Berichte über die Mißstände bei Amazon, Apple, KiK, Nestlé & Co. – aber beim eigenen Onlineeinkauf oder am Regal im Supermarkt ist der Wunsch die Welt zu verbessern, meist ganz schnell ganz weit weg.

Daran sollten wir denken, wenn wir nun Amazon an den Pranger stellen.

Über Andreas Frank

Andreas Frank liebt echte Innovatoren und ist genervt von Kopierern, die einem alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen wollen. Kopfschüttelnd liest er täglich die Meldungen von Startups, die angeblich alles revolutionieren aber dabei nicht in der Lage sind, ihre Idee ganzheitlich zu Ende zu denken. Belustigt ist er, wenn die freie Meinungsäußerung mit bösen eMails und der Androhung von Anwaltsschreiben mit den Füßen getreten wird. Merke: auch in der Zeit von bezahlten Blogeinträgen gibt es noch Denker, die sich ihren kritischen Blick nicht verbieten lassen.

14. Februar 2013 von Andreas Frank
Kategorien: Zwischenruf | 7 Kommentare

Kommentare (7)

  1. Gut geschrieben; seit Jahren, versuche ich, mich nur mit fairer Kleidung zu bestücken – das Angebot ist mau. Versuchen Sie mal einen fairen PC zu kaufen… – sogut wie unmöglich, von den Smartphones ganz zu schweigen.

    • Für den eigenen Profit nimmst du also solche Missstände in Kauf. Dann bist du auch nicht besser, als die, die diese Missstände verursachen. Es sind aber sicher nicht die Verbraucher!

      • @Retho: Einfach nochmals meinen Zwischenruf lesen. Es hilft.

        • Deinen Zwischenruf habe ich gelesen, sonst hätte ich dir nicht geantwortet. Du findest es nicht gut, was du gesehen hast, beschwerst dich über die hohen Gebühren und die späte Auszahlung, hast aber nicht das Rückgrat, deinen Verkauf dort einzustellen. Dein Profit ist dir wichtiger, als diesem kriminellen Verein den Rücken zu kehren.
          Schließlich sagst du ja selbst: „nicht über Amazon zu verkaufen ist die schlechtere Alternative“.

          Jeder, der mit solchen Firmen zusammenarbeitet, trägt an den gezeigten Missständen eine große Mitschuld!

          • Wo werden denn heute Bücher in relevanten Stückzahlen verkauft?

            Ja, man kann auch in Schönheit verhungern. Wer das als Autor nicht möchte, der muss auch den Absatzkanal Amazon nutzen.

            Was nicht bedeutet, dass man keine Kritik an gewissen Vorgängen üben darf. Nur durch diese und die dadurch entstehende Diskussion können Verbesserungen angeschoben werden.

            Würden sich alle Ihrer Boykottmeinung anschließen, wäre dies der Stillstand jeglicher gesellschaftlicher Entwicklung!

    • Ja, dieses Problem kenne ich. Gut, dass es inzwischen wenigstens bei Lebensmitteln viele Alternativen gibt.
      Allerdings sehe ich in der allgemein herrschenden Gier das Problem. Auf Kosten anderer reich zu werden, ist eine heute übliche Denke, selbst unter sogenannten Freunden, Verwandten etc. Und, was weitaus schlimmer wiegt, dies wird gesellschaftlich sogar akzeptiert! Oder warum genießen Vermögende ein so hohes Ansehen?
      Kleidung aus Biobaumwolle zum Beispiel ist völlig überteuert. Aber nicht deshalb, weil die Herstellungskosten so hoch sind oder die Arbeiter ein ordentliches Gehalt verdienen, sondern weil auch hier die Konzerne einen überdurchschnittlichen Gewinn abschöpfen.
      Ich habe inzwischen wenig Hoffnung auf eine grundlegende Änderung der Zustände…leider!

  2. Pingback: Arbeitsbedingungen bei Amazon + Augenprobleme am Computer + Einsturz in Tschernobyl + Opera mit Webkit » myBasti